Rahmen und Dosierung
Leistungs- und Zustandsdruck werden herausgenommen. Augen können offen bleiben, Hinweise können ausgelassen und die Übung kann beendet werden.
Grounded-Man-Protokoll
Das Grounded-Man-Protokoll ist eine geführte Praxis für verkörperte Orientierung. Es führt Aufmerksamkeit zunächst in die konkrete Umgebung, dann über Kontaktflächen und körperliche Landmarken durch den Körper, anschließend wieder in den umgebenden Raum und schließlich in eine flexible gemeinsame Verfügbarkeit von Körper und Raum als zwei unterscheidbaren Bezugssystemen.
Das Protokoll ist ein Werkzeug innerhalb des Grounded-Man-Modells. Sein unmittelbarer Trainingsgegenstand ist Orientierungsfähigkeit.
Es ist kein Entspannungsverfahren, keine Atemtechnik, kein Sicherheitsversprechen und keine vollständige Grounded-Man-Intervention. Es soll keinen bestimmten Gefühlszustand herstellen.
Haltung der Übung
Für das Grounded-Man-Protokoll gibt es keine richtige Empfindung und keinen Zustand, den du herstellen musst.
Du kannst die Übung verkürzen, verändern oder beenden. Die Augen dürfen offen bleiben. Wenn ein Wahrnehmungshinweis unklar, unangenehm oder nicht hilfreich ist, kannst du ihn auslassen.
Die Sprache der Übung macht Angebote: „Vielleicht bemerkst du …“, „Ist es möglich …?“, „Wenn es passt …“. Sie sagt dir nicht, was du fühlen sollst.
Nutzungskontext
Das Protokoll ist als eigenständige, wiederholbare Orientierungspraxis gedacht. Du kannst damit üben, Körper und Raum als Bezugssysteme wahrzunehmen und nach einem Orientierungsverlust wieder zugänglicher zu machen.
Es kann außerdem als freiwillige Vorbereitung vor einer anspruchsvollen oder belastenden Situation genutzt werden, solange du ausreichend gegenwartsbezogen bist und die Übung jederzeit verändern oder beenden kannst.
Es ist nicht dafür gedacht, starke Überforderung durchzuhalten, eine akute Krise selbst zu behandeln oder eine psychotherapeutische Behandlung zu ersetzen.
Grundsequenz
Die geführte Praxis folgt einer festen Grundsequenz. Einzelne Schritte können je nach Fassung unterschiedlich ausführlich sein.
Leistungs- und Zustandsdruck werden herausgenommen. Augen können offen bleiben, Hinweise können ausgelassen und die Übung kann beendet werden.
Blick und gegebenenfalls Hören nehmen die reale Umgebung auf: Formen, Farben, Licht, Schatten, Nähe, Entfernung, Geräusche und räumliche Ausdehnung. Ziel ist nicht, Sicherheit herzustellen, sondern konkrete Umweltinformation verfügbar zu machen.
Die Aufmerksamkeit wechselt zu Kontaktflächen und Gewicht: Füße am Boden, Sitzfläche, gegebenenfalls Rückenlehne, Gewicht und Schwerkraft.
Von unten nach oben werden ausgewählte Bezugspunkte wahrgenommen: Füße und Sprunggelenke, Beinlinien bis zu den Sitzbeinhöckern, Hüftgelenke und Beckenraum, Körpermitte, Schultergelenke, Handgelenke und Hände, Kiefer sowie Stirn. Dies sind Orientierungspunkte, keine anatomischen oder neurobiologischen Spezialschalter.
Die Einzelhinweise müssen nicht dauerhaft gleichzeitig gehalten werden. Ein ausreichender Eindruck des Körpers als zusammenhängendem Bezugssystem genügt.
Die Wahrnehmung öffnet sich wieder in den umgebenden Raum: vor, seitlich, oberhalb, unterhalb und besonders hinter dem Körper. Der Hinterraum ist ein charakteristischer Bestandteil der Praxis, aber kein behaupteter Spezialmechanismus.
Dies ist der definitorische Kern. Körper und Raum sollen beide als unterscheidbare Bezugssysteme zugänglich sein können. Die Aufmerksamkeit darf zwischen ihnen wechseln, ohne dass eines ganz verschwinden muss. Es ist keine dauerhafte Doppelaufmerksamkeit erforderlich.
Der Atem wird wahrgenommen, nicht gesteuert. Er ist keine dritte Orientierungsachse und kein notwendiger Wirkmechanismus. Wenn Atemfokus unangenehm oder verengend wirkt, kann er ausgelassen werden.
Zum Schluss wird nicht geprüft, ob Ruhe oder Wohlbefinden erreicht wurden. Entscheidend ist, was jetzt konkret wahrnehmbar ist. Die Rückkehr geschieht über Kontakt, Blick und Umgebung.
Audio
Aktuelle Audiofassung.
Safety, Selbstanwendung und Psychotherapie
Übe nur so, dass du deine Umgebung noch ausreichend wahrnehmen und selbst entscheiden kannst, ob du weitermachst.
Wenn ein Hinweis unangenehm, verwirrend oder zu viel wird, kannst du ihn auslassen, die Augen öffnen, dich im Raum umsehen, dich bewegen, aufstehen oder die Übung beenden. Du musst nichts durchhalten.
Wenn du dich während der Übung deutlich überfordert oder desorientiert fühlst oder nicht mehr frei entscheiden kannst, ob du fortsetzt, beende die Selbstanwendung und orientiere dich an konkreten äußeren Informationen und an dem, was dir aktuell hilft, wieder Gegenwartsbezug herzustellen.
Das Grounded-Man-Protokoll ist keine Psychotherapie, kein Diagnoseinstrument und keine Krisenintervention. Wenn nicht mehr Kompetenz- und Handlungsentwicklung, sondern eine psychische Belastung selbst behandlungsbedürftig ist, ist ein psychotherapeutischer Rahmen oder eine spezialisierte Weitervermittlung passender.
Bei akuter Krise oder unmittelbarer Gefährdung ist eine Audioübung nicht der richtige Rahmen; professionelle Akuthilfe hat Vorrang.
Wirkung
Der unmittelbare Trainingsgegenstand des Grounded-Man-Protokolls ist Orientierungsfähigkeit: Körper und umgebenden Raum als zwei Bezugssysteme herzustellen, hinreichend verfügbar zu halten und nach Verlust wiederzufinden.
Das Protokoll ist darauf angelegt, diese Form verkörperter Orientierung praktisch zu üben. Es soll keinen bestimmten Gefühlszustand erzeugen.
Ob und in welchem Ausmaß wiederholte Praxis die Orientierungsfähigkeit tatsächlich verbessert, bleibt empirisch zu prüfen. Ebenso sind mögliche Auswirkungen auf Regulation, Selbstanbindung, Präsenz, Selbstorganisation, Kompetenzverfügbarkeit oder Handlungsspielraum davon getrennte Trainings- beziehungsweise Wirkungshypothesen.
Das Grounded-Man-Protokoll bietet einen wiederholbaren Rahmen, um Körper und Raum als Bezugssysteme wahrzunehmen und Orientierungsfähigkeit praktisch zu üben.
Rücklink zum Modell
Das Grounded-Man-Protokoll macht verkörperte Orientierung praktisch übbar. Das Modell zeigt, welche weiteren Kompetenzen unter Druck trainierbar werden können.