Männlichkeit

Damit Wirklichkeit noch hinein kann

Über Männer und Unfehlbarkeit

Mich faszinierten Illusionisten schon immer. Vielleicht, weil sie etwas sichtbar machen, das ich im Alltag leicht vergesse: Ich kann etwas wirklich sehen und trotzdem noch nicht wissen, was gerade geschieht.

Ein Pantomime zieht an einem Koffer, der scheinbar mitten im Raum feststeckt. Ich sehe den Koffer. Ich sehe seine Anstrengung. Nichts davon ist eingebildet. Und trotzdem stimmt die Erklärung, die sich für einen Moment fast von selbst anbietet, nicht.

Im echten Leben ist das weniger spektakulär.

Ich erinnere mich an ein Konzert, das ich mit einer Sängerin gespielt habe. Vor mir saß ein Mann, dessen Gesicht für mich ziemlich eindeutig aussah. Verschlossen, streng, kaum eine Regung. Ich hätte darauf gewettet, dass ihm unsere Musik nicht gefällt.

Nach dem Konzert kam er zu mir und erzählte mir, wie sehr ihn die Musik berührt hatte. Er habe lange nichts so Schönes gehört.

Was mich daran im Rückblick beschäftigt, ist nicht einmal, dass ich mich geirrt hatte. Menschen irren sich. Das Beunruhigendere war, wie wenig sich mein Eindruck vorher wie eine Vermutung angefühlt hatte.

Ich hatte seinen Gesichtsausdruck gesehen. Das war wirklich geschehen.

Dass er unsere Musik ablehnte, hatte ich ergänzt.

Aber diese Ergänzung war in meinem Erleben nicht mit dem Warnschild “Achtung, Interpretation!” versehen gewesen. Sie hatte sich einfach wahr angefühlt.

Viele von uns kennen solche Momente. Wir nehmen etwas wahr, spüren sofort eine Bedeutung darin – und kurz darauf ist kaum noch zu unterscheiden, wo die Wahrnehmung aufhört und unsere Erklärung beginnt.

Gerade wenn wir Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen und uns auf unser Urteil verlassen wollen, ist das unangenehm.

Wir wollen nicht bei jedem Konflikt denken müssen: Vielleicht bilde ich mir das alles nur ein.

Und wenn wir Männer uns ehrlich entwickeln wollen, möchten wir uns dabei auch nicht selbst zum Problem erklären müssen.

Grounded Man soll Männer nicht darin trainieren, ihrer Wahrnehmung weniger zu vertrauen. Es soll uns nicht beibringen, Entschlossenheit für verdächtig zu halten oder unsere eigene Position so lange zu relativieren, bis von ihr nichts mehr übrig bleibt.

Die interessantere Frage lautet für mich:

Wie können wir unserer Wahrnehmung trauen und zugleich anerkennen, dass unser Zugriff auf Wirklichkeit begrenzt bleibt?

Wahrnehmung ist nicht das Problem. Ohne sie wüssten wir überhaupt nichts über die Welt. Gefühle sind nicht das Problem. Sie sagen uns etwas darüber, was uns berührt, ängstigt, verletzt oder anzieht. Modelle sind nicht das Problem. Wir brauchen Modelle, um Komplexität überhaupt handhabbar zu machen.

Schwierig wird es dort, wo wir den Übergang nicht mehr bemerken.

Aus „Sein Gesicht wirkt auf mich ablehnend“ wird „Er lehnt unsere Musik ab“.

Aus „Ich fühle mich zurückgewiesen“ wird „Du weist mich zurück“.

Aus „Diese Nachricht macht mich nervös“ wird „Da stimmt etwas nicht“.

Manchmal stimmt der zweite Satz. Vielleicht sogar sehr oft. Ein Gefühl kann ein wichtiger Hinweis sein. Eine erste Einschätzung kann genau richtig sein.

Aber der zweite Satz enthält mehr als der erste.

Er sagt nicht mehr nur etwas darüber, was wir wahrnehmen oder erleben. Er sagt etwas darüber, wie die Sache ist.

Und genau dort entsteht eine kleine Lücke, die wir leicht zu schnell schließen.

Was spricht eigentlich für unsere Erklärung? Was haben wir tatsächlich gesehen oder gehört? Was wiederholt sich? Welche Information passt nicht dazu? Was wissen wir aus eigener Beobachtung, was aus Erzählungen, was aus Erwartungen? Was würde unsere Einschätzung verändern? Und was wissen wir schlicht noch nicht?

Das sind keine Fragen, mit denen wir uns in endlose Selbstzweifel schicken müssen.

Ich vermute allerdings, dass diese Spannung für manche von uns Männern eine besondere Schärfe bekommt. Nicht weil Status- oder Gesichtsverlust männliche Eigenschaften wären. Sondern weil viele von uns gelernt haben, Souveränität auch daran zu messen, ob wir die Lage im Griff haben, eine klare Position vertreten und wissen, was zu tun ist.

Dann kann „Ich weiß es nicht genau“ schnell weniger souverän klingen als eine sofortige Erklärung. Eine Meinung zu überprüfen kann sich anfühlen, als würden wir an Autorität verlieren. Einen Irrtum einzugestehen kann für einen Moment das eigene Bild davon berühren, verlässlich und handlungsfähig zu sein.

Ich möchte diese Spannung nicht pathologisieren. Darin steckt etwas Sinnvolles: Wir wollen handlungsfähig sein. Wir wollen uns auf uns verlassen können. Wir wollen nicht bei jeder Reibung innerlich zusammenbrechen und erst in Klausur gehen müssen, bevor wir eine Entscheidung treffen.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen Stand und Unfehlbarkeit.

Wir verlieren unseren Stand nicht automatisch, wenn unsere Sicht überprüfbar bleibt.

Und darin könnte sogar eine andere Form von Souveränität liegen:

Ich muss nicht recht behalten, um bei mir zu bleiben.

Die Forschung sagt uns nicht, wie wir in einer konkreten Situation urteilen sollen. Aber sie liefert einige Gründe, unsere Gewissheit nicht mit Wahrheit zu verwechseln. Aufmerksamkeit ist selektiv; was wir gerade suchen, was auffällt und was durch unsere Lerngeschichte bereits Gewicht bekommen hat, beeinflusst, was bevorzugt verarbeitet wird (Theeuwes, 2025). Auch Gefühle können für Urteile sinnvolle Informationen sein, ohne deshalb jede Erklärung ihrer Ursache zu beweisen (Greifeneder, Bless & Pham, 2011). Und selbst bloße Wiederholung spielt eine Rolle: Aussagen, die wir mehrfach gehört haben, werden im Durchschnitt eher als wahr eingeschätzt als Aussagen, die uns neu begegnen (Ye et al., 2026).

Das beweist keine große Theorie darüber, wie wir Menschen „wirklich“ funktionieren.

Es erinnert nur daran, dass sich Gewissheit und Wahrheit nicht decken müssen. Für mich führt das zu einer zentralen Frage: Wie können wir unsere Überzeugung ernst nehmen, ohne sie gegen neue Informationen abzuschirmen?

Im Grounded Man Kompetenztraining arbeite ich bei dieser Frage mit einem sehr einfachen Experiment. Es geht um eine konkrete Form von Orientierung: Können Körper und umgebender Raum wieder als Bezugssysteme verfügbar sein? Können wir bemerken, wo wir sitzen oder stehen, was rechts und links von uns ist, wie weit der Raum reicht?

Warum ausgerechnet Körper und Raum?

Nicht weil sie wahrer wären als unsere Gedanken oder Gefühle. Und nicht weil sie uns sagen könnten, was ein anderer Mensch wirklich meint.

Der Grund ist einfach: Körper und Raum bieten uns Bezugspunkte, die zunächst noch keine Entscheidung darüber verlangen, wie der Konflikt zu deuten ist oder wer recht hat. Ich kann wahrnehmen, wo meine Füße sind oder wie weit der Raum reicht, ohne damit schon eine Geschichte über die Situation festzulegen.

Deshalb setzt Grounded Man hier an: nicht bei einer besseren Deutung, sondern bei einem zusätzlichen Bezugsrahmen.

Ich kann nicht behaupten, dass diese Körper-Raum-Orientierung nachweislich unsere Aufmerksamkeit verbreitert oder uns kognitiv flexibler macht. Das ist bislang eine Wirkungshypothese des Modells, keine bestätigte Kausalkette.

Trotzdem interessiert mich die praktische Bewegung.

Wir erzählen uns nicht sofort eine bessere Geschichte.

Nicht: Vielleicht meint sie es gar nicht so.

Nicht: Bestimmt wird alles gut.

Nicht einmal: Unsere Interpretation ist wahrscheinlich falsch.

Wir nehmen etwas hinzu, das nicht identisch ist mit der Geschichte, die gerade alles besetzt.

Den Körper. Den Raum. Den Menschen vor uns. Den tatsächlichen Wortlaut einer Nachricht. Unser Gefühl. Unsere Vermutung. Und das, was wir noch nicht wissen.

Orientierung hieße dann nicht, sofort besser zu deuten. Sie hieße zunächst, mehrere Bezugspunkte verfügbar zu halten.

Unsere Wahrnehmung darf bleiben.

Unsere Wut darf bleiben.

Unsere Einschätzung darf bleiben.

Und daneben kann trotzdem noch etwas auftauchen.

Wir können sagen: Diese Nachricht wirkt auf mich herablassend. Ich bin wütend. Ich vermute, dass dahinter Geringschätzung steckt. Ich weiß es nicht sicher. Und ich muss deshalb trotzdem nicht so tun, als wäre nichts passiert.

Wir können nachfragen.

Wir können warten.

Wir können entscheiden, dass uns die Absicht gar nicht so wichtig ist, weil die Wirkung oder ein wiederholtes Verhalten für unsere Grenze ausreicht.

Wir können neue Informationen bekommen und unsere Einschätzung ändern.

Und wir können neue Informationen bekommen und danach denken: Nein. Ich hatte recht.

Auch das gehört dazu.

Erkenntnisvorsicht darf nicht zur Selbstentwertung werden. Sie entbindet uns aber auch nicht von Verantwortung. Manchmal hat unsere Gewissheit längst Folgen gehabt. Vielleicht haben wir jemanden beschuldigt, abgewertet, übergangen oder unter Druck gesetzt, bevor wir bemerken, dass unsere Erklärung mehr Gewissheit beansprucht hat, als sie eigentlich tragen konnte. Dann zeigt sich Korrigierbarkeit nicht nur darin, dass wir unseren Irrtum aushalten. Sie kann auch bedeuten, anzuerkennen, was unser Verhalten beim anderen ausgelöst hat, und Verantwortung für den eigenen Anteil zu übernehmen – ohne aus Verantwortung Selbstbeschuldigung zu machen.

Und all das geschieht nicht in einem machtfreien Raum. Nicht jeder Mensch kann gleich gefahrlos nachfragen, warten, widersprechen oder seiner Sicht Geltung verschaffen. Wer abhängig ist, ohnehin weniger Gehör findet oder für Widerspruch einen höheren Preis zahlt, braucht nicht noch die Botschaft, er müsse zunächst mehr an sich selbst zweifeln. Deshalb gehören auch Macht, Abhängigkeit und die reale Möglichkeit zu widersprechen zu dem, was wir in einer Situation mit wahrnehmen müssen.

Die Lösung kann also nicht lauten: Zweifle einfach mehr an dir. Wir werden ohnehin nie voraussetzungslos auf die Wirklichkeit schauen. Unsere Erfahrungen, Bedürfnisse, Verletzungen, politischen Überzeugungen, Lieblingsmodelle und blinden Flecken gehen nicht einfach weg, nur weil wir uns entwickeln.

Das müssen sie auch nicht.

Entwicklung könnte vielmehr heißen, einen eigenen Stand zu entwickeln, der nicht davon abhängt, immer schon die ganze Wahrheit zu besitzen.

Wir können sagen:

So sehe ich es gerade.

So wirkt es auf mich.

Das spricht aus meiner Sicht dafür.

Das weiß ich nicht.

Und trotzdem kann ich handeln.

Für mich macht uns das nicht weniger souverän.

Wir müssen unsere Selbstachtung nicht daran hängen, immer richtig zu liegen. Fehler machen und sie korrigieren zu können, gehört dazu. Wir müssen Offenheit nicht mit Unterwerfung verwechseln. Wir können unsere Meinung ändern, ohne unseren Stand zu verlieren. Und wir können bei unserer Meinung bleiben, ohne so zu tun, als gäbe es nichts mehr zu erfahren.

Genau das ist eine Form von Entwicklung, die mir für Grounded Man wichtig ist:

nicht Männer zu reparieren.

Nicht Stärke abzutrainieren.

Nicht aus Entschlossenheit Vorsicht und aus Vorsicht Passivität zu machen.

Sondern unsere eigene Position so zu halten, dass sie tragfähig bleibt und trotzdem berührbar ist.

Fest genug, um handeln zu können.

Und offen genug, damit Wirklichkeit noch hinein kann.

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